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Nierenwerte

Die Nieren filtern täglich enorme Mengen Blut, regulieren Wasser und Elektrolyte, beeinflussen Blutdruck und Säure-Basen-Haushalt und sind an Hormon- und Vitamin-D-Stoffwechsel beteiligt. Trotzdem wird ihre Funktion im Labor häufig auf einen einzigen Wert reduziert: Kreatinin. Für eine gute Beurteilung der Nierengesundheit sind jedoch mindestens zwei Perspektiven interessant: Wie gut filtern die Nieren – und funktioniert ihre Filterbarriere so, wie sie soll?
Nieren

AUF EINEN BLICK

Was sind Nierenwerte?

Zur Beurteilung der Nierenfunktion werden vor allem Kreatinin, die daraus berechnete eGFR sowie Albumin im Urin beziehungsweise der Albumin-Kreatinin-Quotient herangezogen.

Warum ist es wichtig?

Die Nieren filtern das Blut, regulieren Flüssigkeit und Elektrolyte und übernehmen wichtige hormonelle Aufgaben. Veränderungen können lange ohne deutliche Beschwerden bestehen.

Aussagekraft

Kreatinin und eGFR geben Hinweise auf die Filterleistung der Nieren. Die Albuminurie kann zusätzlich frühe Veränderungen der glomerulären Filterbarriere sichtbar machen.

Wichtig zu wissen

Kreatinin wird unter anderem von Muskelmasse, Ernährung und körperlicher Aktivität beeinflusst. Deshalb sind Verlauf, eGFR und Urinbefund oft aussagekräftiger als ein einzelner Kreatininwert.

Kreatinin entsteht im Muskelstoffwechsel aus Kreatin beziehungsweise Kreatinphosphat und wird überwiegend über die Nieren ausgeschieden. Funktioniert die Filtration schlechter, steigt seine Konzentration im Blut häufig an.

Das macht Kreatinin zu einem praktischen und seit Jahrzehnten etablierten Nierenmarker. Allerdings hängt die Kreatininproduktion stark davon ab, wie viel Muskelmasse ein Mensch besitzt.

  • Eine muskulöse Person kann deshalb ein höheres Kreatinin haben, ohne dass ihre Nieren krank sind.
  • Bei älteren, gebrechlichen oder sehr muskelarmen Menschen kann das Gegenteil passieren: Das Kreatinin sieht unauffällig aus, obwohl die Nierenfunktion bereits eingeschränkt ist.

Muskelmasse

Der unterschätzte Schlüssel für ein langes und gesundes Leben
Aktuelles

Deshalb wird heute meist nicht nur das Kreatinin angegeben, sondern daraus die estimated Glomerular Filtration Rate – eGFR berechnet.

Die glomeruläre Filtrationsrate beschreibt, wie viel Flüssigkeit die Nierenkörperchen pro Zeiteinheit filtrieren.

Für die Berechnung werden neben Kreatinin weitere Faktoren wie Alter und Geschlecht berücksichtigt. Damit ist die eGFR für die Beurteilung der Nierenfunktion meist informativer als das Kreatinin allein. Sie bleibt jedoch eine Schätzung.

Hier entsteht ein interessantes Problem für Sport- und Longevity-Medizin. Menschen mit viel Muskelmasse produzieren mehr Kreatinin. Auch eine Kreatineinnahme kann den Kreatininwert beeinflussen.
Eine kreatininbasierte eGFR kann dadurch niedriger erscheinen, obwohl die tatsächliche Filterleistung besser ist.

Bei sehr geringer Muskelmasse kann die Situation umgekehrt sein. Gerade bei älteren Menschen ist das relevant: Eine niedrige Kreatininproduktion kann eine eingeschränkte Nierenfunktion teilweise verschleiern.

Cystatin C ist ein kleines Protein, das von kernhaltigen Körperzellen relativ kontinuierlich gebildet und über die Nieren filtriert wird.

Sein großer Vorteil: Der Wert hängt wesentlich weniger von der Muskelmasse ab als Kreatinin. Deshalb kann eine Cystatin-C-basierte eGFR besonders interessant sein, wenn die Kreatininmessung möglicherweise ein verzerrtes Bild liefert. Auch Gleichungen, die Kreatinin und Cystatin C miteinander kombinieren, können die Abschätzung der Nierenfunktion verbessern.

Cystatin C ist allerdings ebenfalls kein vollkommen störungsfreier Marker. Unter anderem Entzündungsprozesse, Schilddrüsenfunktion und bestimmte Medikamente können den Wert beeinflussen.

Eine normale eGFR bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Nieren vollständig gesund sind. Eine zweite wichtige Frage lautet: Ist die Filterbarriere der Niere intakt?

Normalerweise hält sie größere Proteine wie Albumin weitgehend im Blut zurück. Wird die glomeruläre Filterbarriere geschädigt, kann vermehrt Albumin in den Urin gelangen. Eine Albuminurie kann deshalb auftreten, während die eGFR noch völlig unauffällig erscheint. Blut- und Urindiagnostik liefern hier unterschiedliche Informationen.

Für die Beurteilung einer Albuminurie wird häufig die Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin (UACR) verwendet. Dabei wird die Albuminkonzentration ins Verhältnis zum Kreatinin im selben Urin gesetzt. Das reduziert den Einfluss darauf, wie stark der Urin gerade konzentriert oder verdünnt ist.

Besonders relevant ist die UACR unter anderem bei Diabetes, Bluthochdruck und erhöhtem kardiovaskulärem Risiko. Eine persistierende Albuminurie kann ein frühes Zeichen einer Nierenschädigung sein.

Albumin im Urin kann vorübergehend erhöht sein. Starke körperliche Belastung, Fieber, Infektionen und andere akute Einflüsse können das Ergebnis verändern. Ein einzelner auffälliger Befund bedeutet deshalb noch keine chronische Nierenerkrankung. Für deren Beurteilung spielt gerade die Persistenz über die Zeit eine wichtige Rolle.

Das gilt auch für die eGFR: Ein einzelner niedriger Wert in einer akuten Situation ist etwas anderes als eine über Monate bestehende Einschränkung.

Die Niere kann weit mehr als filtern. Sie beeinflusst unter anderem:

  • Wasser- und Elektrolythaushalt
  • Säure-Basen-Gleichgewicht
  • Blutdruckregulation
  • Kalium und Natrium
  • Bildung von Erythropoetin
  • Aktivierung von Vitamin D
  • Kalzium- und Phosphatstoffwechsel


Deshalb können sich chronische Nierenerkrankungen weit über einen erhöhten Kreatininwert hinaus bemerkbar machen.

Vitamin D zeigt besonders gut, wie stark die Niere in andere Stoffwechselsysteme eingebunden ist. Das üblicherweise gemessene 25-OH-Vitamin D muss weiter zum hormonell aktiven Calcitriol umgewandelt werden. An dieser Aktivierung ist die Niere entscheidend beteiligt.

Bei fortgeschrittener Nierenfunktionsstörung können deshalb auch Vitamin-D-, Kalzium-, Phosphat- und Parathormonstoffwechsel aus dem Gleichgewicht geraten. Nierenwerte sollten in solchen Situationen nicht isoliert betrachtet werden.

Bluthochdruck kann die feinen Gefäße der Nieren langfristig schädigen. Gleichzeitig kann eine Nierenerkrankung selbst die Blutdruckregulation verändern. Damit entsteht eine Wechselwirkung, die für die Präventionsmedizin besonders wichtig ist.

Ähnliches gilt für Diabetes: Chronisch erhöhte Glukosewerte können die Nierenfilter schädigen, weshalb eGFR und Albuminurie bei Menschen mit Diabetes eine wichtige Rolle spielen.

Viele Medikamente oder deren Abbauprodukte werden über die Nieren ausgeschieden. Eine eingeschränkte Nierenfunktion kann deshalb dazu führen, dass bestimmte Wirkstoffe länger im Körper verbleiben.

Für zahlreiche Medikamente richtet sich die Dosierung auch nach der Nierenfunktion. Das macht eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Filtrationsleistung besonders wichtig – gerade bei älteren Menschen oder bei mehreren gleichzeitig eingenommenen Medikamenten.

Auch in der Mikronährstoff- und Präventionsmedizin spielt die Nierenfunktion eine Rolle. Bei normaler Nierenfunktion können überschüssige Mengen verschiedener wasserlöslicher Substanzen oder Elektrolyte teilweise über die Niere ausgeschieden werden.

Ist die Nierenfunktion deutlich eingeschränkt, kann sich diese Situation verändern. Das ist beispielsweise bei Magnesium und bestimmten Elektrolyten relevant. „Natürlich“ oder „frei verkäuflich“ bedeutet deshalb nicht, dass die Nierenfunktion bei jeder Dosierung bedeutungslos wäre.

Nierenfunktion, Blutdruck, Gefäßgesundheit und Stoffwechsel sind eng miteinander verbunden. Gleichzeitig verändert sich die glomeruläre Filtrationsleistung im Laufe des Lebens. Für die Longevity-Medizin ist deshalb vor allem interessant, Nierenfunktion und Gefäßgesundheit möglichst lange zu erhalten und frühe Veränderungen zu erkennen. Dabei liefert die Kombination aus eGFR und Albuminurie wesentlich mehr Information als Kreatinin allein.

HeaXX Take-away

Kreatinin ist ein wichtiger Nierenwert – aber eGFR, Muskelmasse und bei Bedarf Cystatin C machen die Einschätzung der Filterleistung deutlich differenzierter. Mindestens ebenso interessant ist die Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR). Sie kann Veränderungen der glomerulären Filterbarriere sichtbar machen, obwohl die eGFR noch normal ist. Eine gute Nierendiagnostik betrachtet deshalb beides: die Filterleistung der Niere und mögliche Zeichen einer Nierenschädigung.

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